Kollaboration im Unterricht
Verhaltensökonomie als Brücke zwischen Wirtschaft und Psychologie
Die Verhaltensökonomie verbindet die Wirtschaftswissenschaften und die Psychologie, zwei Disziplinen, die sich auf natürliche Weise ergänzen. Während die klassische Ökonomie lange Zeit davon ausging, dass Menschen rational und nutzenmaximierend handeln – bekannt als Modell des Homo Oeconomicus –, zeigt die Verhaltensökonomie, dass unsere Entscheidungen systematisch von Emotionen, Heuristiken und kognitiven Verzerrungen beeinflusst werden. Sie untersucht, wie Menschen tatsächlich entscheiden, nicht wie sie entscheiden sollten.
An der Kantonsschule Zürcher Oberland können Lehrpersonen im Teamteaching ein Semester lang zwei Lektionen im Frühlingssemester zu einem selbstgewählten Thema für U2-Klassen unterrichten. Die Schülerinnen und Schüler des Jahrgangs dürfen aus einem Angebot von Kursen wählen, sodass die Interessen möglichst gut berücksichtigt werden. So entstehen klassengemischte Kurse, das Fach wird nicht benotet.
Als Wirtschafts- und Rechtslehrerin leite ich gemeinsam mit einer Psychologielehrerin dieses Fach und wir unterrichten gemeinsam. Inhaltlich bietet die interdisziplinäre Zusammenarbeit neue Perspektiven: Ökonomische Modelle werden psychologisch hinterfragt und psychologische Erkenntnisse mit ökonomischen Fragestellungen erarbeitet und evaluiert.

Organisatorisch hat es für uns gut funktioniert, dass wir zu Beginn ein paar kreative Austausche hatten, bei denen wir Ideen sammelten, wie wir das Semester gestalten könnten. Anschliessend haben wir einen gemeinsamen Semesterplan erstellt und die Themen und Lektionen bzw. Lektionsabschnitte klar zugewiesen. Zwar ist die Planung beim ersten Mal etwas aufwendiger (und dafür auch inspirierender), doch das gemeinsame Unterrichten ist sehr entspannt, da man sich abwechseln kann oder die Klasse in zwei Gruppen aufteilen kann. Bei Aufträgen haben die Schüler und Schülerinnen zwei Ansprechpersonen, was ebenfalls entlastend wirkt. Zudem hat man in der «Schülerperspektive» Zeit, zu beobachten, zu reflektieren und voneinander zu lernen.
Inhaltlich klären wir zu Beginn die zentrale Frage: Was ist Verhaltensökonomie? Die Schülerinnen lernen, dass wirtschaftliche Entscheidungen nicht losgelöst von menschlichen Denk- und Wahrnehmungsprozessen betrachtet werden können. Anhand anschaulicher Beispiele aus dem Alltag, wie etwa Kaufentscheidungen, Sparverhalten oder Risikoabwägungen, wird deutlich, dass Menschen häufig systematisch von rationalen Annahmen abweichen und manchmal entgegen ihren eigentlichen Interessen entscheiden und handeln. Mit dem neu gewonnenen Wissen über Urteilsverzerrungen und Werbestrategien, die unsere Konsumfreude ankurbeln, sind die Schüler/innen besser gerüstet, um diese bewusst wahrzunehmen und dem Ausgabedruck im Alltag zu widerstehen.
Ein Herzstück des Unterrichts sind Experimente – sowohl klassische als auch eigene kleine Versuche im Klassenzimmer. Wir führen beispielsweise Entscheidungsaufgaben mit unterschiedlichen Formulierungen (Framing), Ankeraufgaben oder Risikoexperimente durch. Dabei erleben die Schüler/innen unmittelbar, wie leicht sich Entscheidungen beeinflussen lassen. Die Experimente werden gemeinsam durchgeführt, ausgewertet und theoretisch eingeordnet. Hier ist es spannend, die beiden Perspektiven von Wirtschaft und Psychologie einzubringen. Im Projektteil entwickeln die Schülerinnen und Schüler in Gruppen ihr eigenes verhaltensökonomisches Experiment. Mithilfe von Fragestellungen bekannter verhaltensökonomischer Forscher recherchieren sie, planen ein eigenes, im Klassenzimmer geeignetes Versuchsdesign, erheben eigene Daten, werten diese aus und präsentieren ihre Resultate.
Dieser Prozess fördert nicht nur das Fachverständnis, sondern auch methodische Kompetenzen wie wissenschaftliches Arbeiten, Datenanalyse und Präsentationstechniken. Die Kreativität der Gruppen war dabei beeindruckend. Es war auch für uns Lehrpersonen spannend, an den eigenen Experimenten der Schüler/innen teilzunehmen und die Auswertungen zu analysieren.
Der Kurs war aus unserer Sicht ein Erfolg, da er sowohl bei der Auswahl als auch bei der Evaluation gut ankam. Die Schülerinnen und Schüler fanden es spannend, mehr über das menschliche Verhalten zu lernen, ihr eigenes Konsumverhalten zu reflektieren und eigene Experimente durchzuführen. Wir fanden die Zusammenarbeit bereichernd und genossen es, einmal keine Noten vergeben zu müssen und trotzdem viel erreicht zu haben.