Deutschunterricht in Corona-Zeiten: Der Literatur-Velokurier

Obwohl die Texte elektronisch verfügbar wären: Schüler*innen bevorzugen echte Bücher. Ein velobegeisterter Deutschlehrer macht aus der Not eine Tugend und tritt im Auftrag der Literatur in die Pedale.

22. Mai 2020

 

Als sich der Corona-Schul-Lockdown in der zweiten Märzwoche ankündigte, war die Sorge vieler Deutschlehrpersonen, wie sie literarische Lesetexte noch an die Schüler*innen bringen sollen. Zwar sind nicht wenige Klassiker der deutschen Literatur längst online verfügbar, bei modernen Texten hingegen wird es schwieriger. Und viele Lehrpersonen hatten ihr Semesterpaket an Büchern ja schon bestellt, schafften deren Verteilung im letzten Moment aber nicht mehr. Was tun?

Daniel Bremer vom Liceo Artistico machte aus der Not eine Tugend und verband seine Radfahrleidenschaft mit der neuen Aufgabe als literarischer Fahrradkurier. Zunächst war aber noch nicht klar, ob der Lockdown allenfalls gar in eine Ausgangssperre münden würde. Also wurde eifrig recherchiert und tatsächlich liessen sich die meisten Texte zu den geplanten Deutsch-Projekten online finden, nicht wenige auch dank russischer Quellen, die es mit den Urheberrechten westlicher Verlage nicht so genau nehmen.

Bücher am Bildschirm lesen macht auch «Digital Natives» keinen Spass

Als dann die ersten Videokonferenzen mit den Klassen über die virtuelle Bühne gegangen waren, zeigte sich überraschenderweise, dass die Mehrzahl der betroffenen Schüler*innen es doch sehr bevorzugen würde, ein echtes Buch zur Lektüre und Bearbeitung in der Hand zu haben. Das freut natürlich das Herz jedes Bücherfreundes und irritiert die Anhänger digitaler Progression: «Sie, dörf ich au es ächts Buech?»

Gesagt, getan: Auf bis zu vier Tagestouren pro Klasse kommt man als literarischer Velokurier, je nach geografischer Streuung.

Eine erste Route führte, immer ausgehend vom Herzstück der Zürcher Velogeschichte, der offenen Rennbahn Oerlikon, zunächst kreuz und quer durch die Stadt Zürich (Wollishofen, City, Albisrieden, Oberstrass, Höngg, Witikon, Friesenberg), dann über Uitikon-Waldegg nach Wettswil, dann über die Buchenegg nach Adliswil, zum Liceo Artistico und einem Balkon-Schwatz mit dem legendären Hauswart Nicola d’Aguanno und zurück nach Oerlikon.

300 Kilometer Velostrecke pro Klasse

Am nächsten Tag ging es dann über Uster und Pfäffikon ZH hoch auf fast 800 m ü. M. ins abgelegene Hermatswil. Der Empfang im idyllischen Dorf war aber zunächst nicht freundlich, eine Mutter hielt den Kurier nämlich für einen missionierenden Sektierer: «Nei, mir chaufed nüt!» Erst als Tochter und der bellende Hund einschritten, konnte die Situation gerade noch geklärt werden. Andere Mütter hielten den Kurier für das, was er ist: Einen blossen Kurier.

Weitere Touren führten über Neerach bis nach Zurzach hinunter, 90 Kilometer Aufwand für zwei Bücher. Die Sache musste sich herumgesprochen haben, tags darauf meldete sich eine nächste Klasse, die nach echten Büchern verlangte. Also los und wieder kreuz und quer durch die Stadt Zürich und nach Horgen. Pro Klasse kommen so, je nach mathematischer Wegeoptimierung (endlich konnte man vorab die Differentialrechnung wieder einmal anwenden!) rund 280 bis 300 Velo-Kilometer zusammen.