Das Feuer brennt

Ein Leben muss genügen, um all das hineinzupacken, was Erwin Heusser anfasst. Seit 34 Jahren unterrichtet er an der Kantonsschule Freudenberg Musik und nochmals Musik. Gemeinsam in der Klasse und einzeln am Klavier, am Keyboard und im Sologesang. Aber was heisst schon unterrichten? Seine Mission ist es, das Feuer der Leidenschaft zu entfachen. 

18. Juni 2020
 

Zwei Stunden Erwin Heusser, und die Welt ist eine andere. Zur Begrüssung ein kleines Hauskonzert mit seiner Frau Monica Angelini, und dann eine geballte Ladung an Informationen, Erinnerungen und Anekdoten, dass es eine wahre Freude ist. Er schwadroniert und mäandert, holt aus und schweift ab – und kehrt doch immer wieder zurück zu den Themen, die ihm wichtig sind: die Familie, die Natur, die Musik. 

 

Mein Name ist Heusser

Namen sind Schall und Rauch, aber nicht dieser. Er geht auf den Gründervater der Familie zurück, der im 14. Jahrhundert Häuserverwalter auf der Insel Ufenau war. Eines dieser Häuser war die Kirche, die damals zum Kloster Einsiedeln gehörte. Und so kam es, dass der Verantwortliche den Namen Hüsser erhielt.

Bis die Reformation die Familie spaltete. Die eine Hälfte lehnte die neue Lehre Zwinglis ab, blieb katholisch und behielt den Namen Hüsser. Die andere Hälfte bekannte sich zur Reformation, nahm den neuen Glauben an und nannte sich fortan Heusser. Und die trug – zumindest in Erwins Familie – ein ganz spezielles Gen in sich: das Lehrer-Gen.

Es war nämlich so, dass bereits der Grossvater am liebsten Lehrer geworden wäre. Für ein Bauernkind wie ihn blieb dieser Berufswunsch aber für immer ein Traum, und so verdiente er seinen Lebensunterhalt als Fabrikarbeiter in der Chemischen in Uetikon am See. Ironie des Schicksals, dass voraussichtlich 2028 die neue Kantonsschule just an diesem Ort ihr neues Zuhause finden wird. 

 

Das Hobby zum Beruf gemacht

Auch der Vater wurde nicht Lehrer, sondern Feinmechaniker. Was ihm verwehrt blieb, wollte er aber auf jeden Fall seinen Kindern ermöglichen. Und siehe da: Alle studierten und wurden Lehrer*innen. Schon mit 21 unterrichtete Erwin eine Primarklasse, bevor er nach einem Jahr bereits wieder entlassen wurde. Grund war der Pillenknick, der Ende der Siebzigerjahre die Demographie der Schweiz markant veränderte – und zu einem Abbau von Klassen und Lehrpersonen führte.

Es folgte die Zeit der Vikariate, die Erwin hierhin und dorthin verschlugen und ihm zeigten, wohin die Reise gehen sollte. Immer stärker verspürte er den Wunsch, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen und Musiklehrer zu werden. Bereits mit vier Jahren hatte er im Tonstudio seine erste Single eingesungen, mit fünf mit dem Klavierspiel begonnen, und dann ging es weiter und weiter bis zum Konservatorium und darüber hinaus. Neben Klavier studierte er Schulmusik, Chor- und Orchesterleitung, übernahm verschiedene Chöre und lernte die Theater- und Musicalwelt von Grund auf kennen. Jetzt war Erwin bereit.

Ein Wink des Schicksals war seine Berufung an die Kantonsschule Freudenberg im Jahr 1986. Endlich konnte er ganz in der Musik aufgehen, das Streichorchester und den Chor betreuen, die Instrumentalabteilung aufbauen. Das denkmalgeschützte Schöllergut war damals – vor der Komplettrenovation – allenfalls eine Notlösung. Heute bietet es 26 Unterrichtszimmer, einen Konzertraum im Estrich und einen Instrumentenpark, der alles bietet, was sich ein Vollblutmusiker wie Erwin Heusser nur wünschen kann.

Musik ist Leben

Viele Jahre sind ins Land gezogen, seit er das Schöllergut zu seinem Reich gemacht hat. Von Verschleisserscheinungen aber keine Spur. Das Feuer brennt immer noch lichterloh, und die Motivation, junge Menschen für Musik zu begeistern, ist ungebrochen. «Musik ist keine Frage der Technik», sagt er, «sondern eine Herzensangelegenheit. Wenn du ein Lied singst, in die Tasten greifst oder Gitarre spielst, musst du beseelt sein. Technik ohne Gefühl ist eine leere Hülle.»

Mit diesem Enthusiasmus ist Erwin Heusser auch ausserhalb der Schule unterwegs. Als Sänger, Pianist, Organist und Dirigent im In- und Ausland. Gemeinsam mit seiner Frau leitet er die kleine Operettenbühne «Opera Brevis», mit der er im Spätherbst Emmerich Kálmáns Operette «Die Faschingsfee» aufführen wird. Und auch den feierlichen, festlichen und fröhlichen Live-Gesang möchten die beiden wieder hochfahren – sobald das Coronavirus dies zulässt.

Zwischen analog und digital

Apropos hochfahren: Wie steht es eigentlich mit dem Musikunterricht in Zeiten von Corona? «Musik ist Kommunikation und Interaktion», betont Erwin Heusser, «da spielt das gemeinsame Erleben eine wichtige Rolle. Wenn ich meine Schüler*innen nicht hören, beobachten, ermuntern, begeistern und zwischendurch auch mal zurechtweisen kann, fehlt etwas. Der Umstieg ins Digitale ist aber trotzdem erstaunlich gut gelungen – selbst einem älteren Semester wie mir.»

Plötzlich schreckt Erwin Heusser hoch. «Upps, vor sieben Minuten hätte ich eine Übungsprüfung hochladen sollen – die Klasse wartet sicher schon ungeduldig.» Und tatsächlich: In der Mailbox häufen sich die Anfragen, wo die Lieferung bleibt. Ein kurzer Blick, und ab die Post. In 45 Minuten folgt das Lösungsblatt, das es der Klasse erlaubt, sich selber zu evaluieren. «Die Digitalisierung, die wir jetzt praktisch erproben konnten, ist auf jeden Fall eine wertvolle Erfahrung», sagt er. «Die Zukunft wird wohl ein Mix aus analog und digital sein. Ich stelle mir Videos zu Musiktheorie und Instrumentaltechnik vor, die frei verfügbar sind und das selbstorientierte Lernen fördern. So bliebe viel mehr Zeit für die individuelle Förderung und Betreuung der Schüler*innen.»

Musiker oder Fisch?

Der menschliche Embryo macht im Lauf seines Wachstums verschiedene Phasen durch. Erst ist er ein Wesen mit Schwanz und Kiemen und am Ende ein kleiner Mensch. In wenigen Wochen haben sich die Kiemenbögen in Kiefer, Gaumen und Zunge, Rachen und Kehlkopf, Gesichtsmuskulatur und Gehörknöchelchen verwandelt. Das ist auch bei Erwin Heusser so. Aber eine Kieme ist ihm geblieben – als kleine Öffnung am Hals, die immer wieder ein dickflüssiges Sekret absonderte. 

Die branchiogene Fistel ist längst entfernt. Ein kurzer Eingriff, und der Fisch war weg. Aber was soll man denken, wenn Erwin Heusser fröhlich vor sich hin pfeift? Ist das nun der Musiker, der seiner Lebensfreude Ausdruck verleiht? Oder ist es der Fisch, der aus den Tiefen der Evolution aufsteigt und sich fragt, warum er Musiker geworden ist?