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Wie die Ungewissheit der Zukunft uns zu mehr Gewissheit in der Gegenwart führen kann

Workshop «Futures Literacy» an der KWI

Wir stecken in einer Phase des allgemeinen Pessimismus was unsere Zukunft angeht – oder etwa nicht? Zumindest blicken laut einer Umfrage von Sotomo (2025) 46% der Schweizer Bevölkerung eher pessimistisch” auf das Jahr 2055, 25% sogar nur “pessimistisch”. Aufgrund unserer momentanen Probleme und Sorgen, wie der gesellschaftliche Wandel, der damit eingehenden Sinn- und Wertekrise, des Klimawandels, der technologischen Revolution und der geopolitischen Neuordnung, ist das ja weiter nicht erstaunlich. Laut einer noch aktuelleren Studie von Pro Juventute (2026) sind die grössten Sorgen von Jugendlichen denn auch die Kriege dieser Welt, Ungerechtigkeiten wie Sexismus und Rassismus, Verfälschungen und Polarisierung der Kommunikation, sowie handfeste Themen wie Wohnraum und -kosten. Da fragt es sich, wie resilient die Jugend ist, das heisst, wie gut sie mit all diesen Unsicherheiten umgehen können und was die Schule dazu beitragen kann.

Dieser Frage hat sich die Schulleitung des Standorts Wiedikon, angenommen, indem sie einen Morgen lang zwei Gymnasialklassen des Profils PPP (Pädagogik, Psychologie und Philosophie) einen Workshop ermöglicht hat, der im grösseren Format als CAS «Crafting Futures» (https://www.zhdk.ch/weiterbildung/weiterbildung-design/cas-crafting-futures) an der ZHDK angeboten wird. Die Dozenten Jonas Petermann und Renato Soldenhoff haben unseren Schüler:innen einen originellen und interaktiven Blick ins Fernrohr der Zukunft geboten, das eigentlich gar kein Rohr sein kann, sondern eher ein Baum mit vielen Ästen.. Denn entgegen der gängigen Vorstellung, dass Geschichte linear ist, haben sich die Verläufe immer wieder als chaotisch und unvorhersehbar erwiesen, was spekulative Vorhersagen in der Vergangenheit anschaulich beweisen: So brauchen wir in der Schule, trotz der Befürchtung von 1901 aus der Sammlung von Zukunftsvisionen «En L’An 2000», immer noch Bücher und werden nicht mit Podcasts abgefüllt, und das Online-Shopping hat sich durchgesetzt, auch wenn es das Time Magazine 1966 für unwahrscheinlich hielt. Vorhersagen sagen tatsächlich mehr über den aktuellen Zeitgeist aus als über die zukünftige Wirklichkeit.

Sind Vorhersagen also prinzipiell immer falsch und somit nutzlos? Nein, meint Florence Gaub in «Zukunft, eine Bedienungsanleitung» (2023), denn «Je mehr Einfluss wir glauben zu haben, desto optimistischer sind wir. Einfluss wiederum ist keine objektive Tatsache: Es ist eine Wahrnehmung, die sich direkt daraus ergibt, wie viele Optionen wir uns für die Zukunft ausdenken können.» Es ist laut Krznaric, «The good Ancestor» (2020) unsere Pflicht, für die ungeborenen Generationen im Hier und Jetzt Verantwortung mit unserem Handeln zu übernehmen. Und, laut Gaub, «wenn wir nicht unsere Zukünfte kreieren, dann werden wir zu den «Konsument:innen der Zukünfte anderer». «Futures Literacy» stärkt also insbesondere das Selbstvertrauen, die Handlungsfähigkeit, die Erkenntnis, aber auch die Entdeckungsfreude, und wird dadurch durch die UNESCO weltweit gezielt gefördert. Was gefragt ist, ist langfristiges Denken, auch wenn wir kurzfristig der Verzweiflung nahe sein mögen, um unser Leben und unsere Welt aktiv zu gestalten.

Doch wie sollen wir unsere Zukunft denken, wenn sie so unvorhersehbar scheint? Möglichst offen, meint Jim Dator, «jede nützliche Idee über die Zukunft sollte lächerlich erscheinen.» Zum Beispiel in dem wir Fakten umkehren und uns dann deren mögliche Folgen ausdenken, oder aber wir mischen Fakten mit unserer Vorstellungskraft zu neuen Träumen, die möglicherweise wahr werden können. Die magische Formel ist das «unkonventionelle Denken» und das Kombinieren von kreativen mit analytischen Herangehensweisen. «Was wäre, wenn…»: unsere Schüler:innen haben sich zum konkreten Thema «Freundschaften und Beziehungen im Jahr 2036 ausgetauscht und sich ein Zukunftsszenario anhand aktueller Trends und bisherigen Werten ausgedacht. Eine grosse Wichtigkeit hatten dabei ihre Wünsche, die sie auf einer «Grusskarte aus der Zukunft» formuliert und an die Wand gehängt haben. Es waren von gleichberechtigten Freundschaften und Beziehungen zu lesen, die auf einem offenen Austausch beruhen und weniger digital sind. Zum Schluss blieb vor allem ein Gedanke: die Auseinandersetzung mit der Zukunft befähigt uns, unsere Gegenwart als aktive Menschen bewusst zu gestalten. Wir sind, weil wir tun wollen.